Aus dem Osten kommt das Licht

Der Baumeister und Steinmetz Tom Builder nutzt einen wolkenfreien Morgen, um mit Hilfe von zwei Stangen und der aufgehenden Sonne die exakte Ost-West-Ausrichtung der neuen Kathedrale festzulegen. So beschreibt der walisische Schriftsteller Ken Follett in seinem Buch „Die Säulen der Erde“ den Beginn der Bauarbeiten für die neue Kathedrale in der fiktiven Stadt Kingsbridge im zwölften Jahrhundert.

Das Ergebnis solcher Bemühungen wird in der Realität zweimal im Jahr den morgendlichen Besuchern des Kölner Doms, gutes Wetter vorausgesetzt, als ein ganz besonderes Schauspiel geboten: jeweils zu Tagund Nachtgleiche im März und im September geht die Sonne exakt in der Mittelachse der Kathedrale auf und durchflutet von der Apsis, dem halbrunden Ende des Domes, aus das ganze Kirchenschiff mit ihrem durch die mittelalterlichen Chorfenster bunt gefärbten Licht.

In vielen heidnischen Kulturen spielte die Sonne und ihr lebenspendendes Licht eine besondere Rolle. So finden sich im mehrere tausend Jahre vor Christi Geburt errichteten Stonehenge im heutigen südenglischen Wiltshire Steinformationen, die die Sonnenposition zum Frühlings- und Herbstanfang anzeigen. Für die Maya Mittelamerikas symbolisierte der Weg der Sonne den Lebensweg von Geburt bis zum Tod, also vom Sonnenaufgang bis zum Untergang.

Wer im späten zweiten und beginnenden dritten Jahrhundert am frühen Morgen durch eine der Städte des Nahen Ostens wanderte, konnte von den Hausdächern aus die Jubelgebete der „Sol invictus“-Anhänger hören, die die aufgehende Sonne als Gott begrüßten. Kaiser Aurelian hatte den Kult zur Staatsreligion gemacht.

Selbst nach der Verdrängung des Sol-Kultes durch das Christentum mit der Konstantinischen Wende behielten die Christen, obwohl sie jede Vermischung ihres Glaubens mit den paganen Kulten strikt ablehnten, den 25. Dezember als Hochfest der Geburt des Herrn bei. Die alttestamentarische Verheißung „Aufgehen wird Euch die Sonne der Gerechtigkeit“ (Maleachi 3.20) schaffte wieder eine enge Verbindung zwischen Sonne und Christus. (Kasten 1)

Ex oriente lux – aus dem Osten kommt das Licht; dieses römische Sprichwort wurde sehr schnell von den europäischen, also westlich vom Heiligen Land lebenden Gläubigen, auf Jesus Christus bezogen. Sind wir es heute gewohnt, eine Landkarte einzunorden, war es bis ins späte Mittelalter üblich, sich im Kernsinn des Wortes zu „orientieren“, also nach Osten auszurichten. Der Mittelpunkt der Welt waren nicht die Pole mit der Erdachse, sondern die heilige Stadt Jerusalem mit ihrer Rolle als Ort des Todes und der Auferstehung des Heilandes.

Von der „Verehrung“ des Ostens bis zur Ausrichtung der Kirchen in Ost-West- Richtung war es da nur noch ein kleiner Schritt. Der tägliche Sonnenaufgang galt als ein Symbol der Auferstehung, und es war geradezu selbstverständlich, dass die Gemeinde (und nach vorkonziliarem Ritus auch der Priester) der Sonne ihren Blick zuwandten. Doch keine Regel ohne Ausnahme: die frühchristlichen römischen Kirchen sind umgekehrt ausgerichtet mit dem Altar im Westen und dem Eingang im Osten. Das entsprach dem Aufbau des von den Römern 70 n. Chr. zerstörten Herodianischen Tempels auf dem Tempelberg, dessen Eingang nach Osten zeigte. In den ersten Basiliken konnte der Priester also die Messe gleichzeitig mit Blickrichtung zum Publikum und zur aufgehenden Sonne zelebrieren.

Ausgerechnet die wichtigste Kirche der katholischen Christenheit weicht von der „Ostung“ ab. Der Petersdom zeigt mit seiner prunkvollen Eingangsfassade nach Osten zum Petersplatz, während das Allerheiligste in der südlichen Seitenkapelle steht. Das Grab des Apostels Simon Petrus wird in der Mitte der Vierung unter der Kuppel verehrt, der Heilige Stuhl am westlichsten Ende. Erklärlich sind diese Abweichungen aus der Baugeschichte mit den seit dem Jahre 324 errichteten Vorläufergebäuden und der ursprünglichen Planung als quadratischer Zentralbau.

Angeblich schon im Jahre 1633, während der Vollendung des Ziboriums über dem Petersgrab, hatte der Bildhauer und Architekt Gian Lorenzo Bernini mit dem Blick zur westlichen Hauptapis eine vielleicht göttliche Eingebung zur Gestaltung des „Cathedra petri“. Das heute weltberühmte Heilig-Geist-Fenster über dem Petersstuhl mit der Taube im Strahlenkranz leuchtet am schönsten in der Abendsonne. International finden wir wiederum viele Beispiele für die Durchsetzung der Ostausrichtung. Westminster Abbey in London, Notre Dame in Paris (Foto oben), die Krönungskathedrale Notre Dame in Reims, die Kathedrale von Santiago de Compostela, die Domkirche St. Stephan in Wien (Foto rechts) haben alle den Hauptaltar in östlicher Richtung. Selbst die Hauptachse des „Heiligen Bezirks“ im französischen Wallfahrtsort Lourdes und damit auch die beiden wichtigsten Kirchen auf dem Wallfahrtsgelände sind „orientiert“.

Die Kirchen unserer Pfarrgemeinschaft zeigen geradezu beispielhaft den Umgang mit der Ausrichtung über die letzten Jahrhunderte.

St. Peter, mit ihrem Langschiff von 1487 die älteste der vier Kirchen, ist klar nach Osten ausgerichtet, allerdings mit einer geringen nördlichen Abweichung. Der „Neubau“ von St. Cornelius (1908 vollendet) ist in seiner grundsätzlich gelungen „Ostung“ leicht nach Süden verschoben. (Kasten 2)

Die beiden Nachkriegs-Neubauten, St. Ulrich und Herz Jesu, passen sich, wie bei neueren Kirchenbauten üblich, dem vorhandenen Baugrund und Straßennetz an und sind daher nicht in West-Ost-Richtung geplant worden. St. Ulrich liegt fast exakt auf einer Nord-Süd-Linie, während Herz Jesu seinen Turm im Südwesten und seinen Altarraum im Nordosten hat.

 

Kasten 1

Durch den Julianischen Kalender war der kürzeste Tag des Jahres auf den 25. Dezember gerutscht. Dieser wurde feierlich als Geburtstag des Sonnengottes begangen. Das tatsächliche Geburtsdatum Christi war unbekannt.

Mit einer aufmerksamen Betrachtung der Evangelien kann man jedoch zu dem Schluss gelangen, dass die Geburt eher im Frühjahr oder Frühsommer stattfand. Warum wären sonst die Herden und die Hirten nachts auf den Weiden gewesen? Auch die von den weisen Sterndeutern beschriebenen Planetenkonstellationen passen nicht so gut in den Winter.

Kasten 2

Möglicherweise ist die Bauachse von St. Peter tatsächlich an einem 29. Juni („Peter und Paul“) ausgerichtet worden, denn um die Sommersonnenwende herum steht die Sonne in unseren Breiten etwas nördlicher als beispielsweise im Herbst. Ob die leicht südliche Abweichung von St. Cornelius einer Ausmessung am 19.09. (Patronatstag), oder den praktischen Gegebenheiten geschuldet ist (ein Bauplatz hochwassersicher über der Nette-Quelle), bleibt ungeklärt.

 


Text: Claus Rycken l Fotos: Colourbox.de - Eugene Sergeev; Uwe Rieder