Fasten 2017 – eine Erfahrung

Fasten 2017 – der Abschluss

Heute gehen 44 Tage Fasten zu Ende, seit Aschermittwoch (genauer gesagt, seit Veilchendienstagabend) habe ich keine feste Nahrung mehr zu mir genommen. Wobei ich einen kleinen „Rückfall“ auf der Zielgeraden eingestehen muss. Vorgestern Abend habe ich drei trockene Scheiben Toastbrot gegessen. Da hat es mich einfach übermannt, zudem vollkommen sinnlos, denn gestern musste ich wegen einer anstehenden Vorsorgeuntersuchung den Darm noch mal komplett reinigen. Na gut, ist nun mal passiert und soll nicht mein positives Fazit beeinflussen. Die letzten 14 Tage waren übrigens vom Körpergefühl her sehr positiv; das Verlangen, etwas zu essen, wurde allerdings mit jedem Tag immer stärker.

Was hat mir das Fasten gebracht? Sehr, sehr viel Auseinandersetzung mit mir selbst, Erkennen von Problemen und finden von Lösungen. Gefühlt gab es mir eine Menge Impulse, eigene Gewohnheiten, die vor allem mich selbst ärgern, aber natürlich auch meine Umwelt stören, zu überdenken und zumindest Wege zu erkennen, bessere Gewohnheiten zu entwickeln. Meine Selbstbeherrschung scheint mir, durch die Erfahrung, nicht jeder Versuchung (zu essen) nachgeben zu müssen, gestiegen zu sein. Wie man so schön sagt: „Nur wer sich selbst mag, kann auch andere lieben“. Ich mag mich jetzt wieder ganz gut leiden, dass war vorher seit Längerem nicht so ganz der Fall.

Aus dieser Einsicht heraus verstehe ich nun auch besser die Fastengeschichten der Heiligen Schrift. Warum geht Jesus, der Sohn Gottes, 40 Tage in der Wüste fasten? Und wird dann auch noch von Satan versucht? Vielleicht, weil der Menschensohn eben nicht als Juniorchef in die Welt kam, sondern als unser Bruder, der eben auch über den Umweg des körperlichen Verzichts zu einer geistigen Ruhe und Klarheit finden musste. Oder vielleicht, um uns ein Vorbild zu geben: Sehet her, so könnt Ihr zu Euch selbst finden. Theologen suchen und finden sicherlich sehr viel tiefere und vielschichtigere Antworten. Für mich ist aber zumindest erfahrbar geworden, dass Fasten und Verzicht tatsächlich ein gangbarer Weg zur inneren Vorbereitung auf das höchste christliche Fest sein kann.

Dankbar bin ich für die geistige Nahrung in der Fastenzeit, die für die Gläubigen von der katholischen Kirche angeboten werden. Die Lesungen und Evangelien der Fastensonntage, die zur Passion und letztlich damit auch zur Auferstehung hinführen, gaben mir eine Art tröstenden Spannungsaufbau, der mit den vier Feiern der unmittelbaren Ereignisse des Lebens, Leidens, Sterbens und der Wiederauferstehung Christi seinen würdigen Abschluss finden wird. Auch die wunderbare Einrichtung des Bußsakramentes, die ja jedem Interessiertem zur Verfügung steht, kann man sich wieder in Erinnerung rufen.

Gibt es negative Punkte? Ja, gibt es. Wenn man sich verändert, auch wenn es eigentlich zum Positiven hin ist, hält man unter Umständen Menschen seiner Umgebung unbeabsichtigt ein wenig den Spiegel vor. Das kann zu Spannungen führen, wenn nicht verstanden wurde, dass ich für mich faste und mir selber ganz alleine für mich Ziele setze, mein Leben zu ändern. Eine Klärung ist da notwendig und, wenn auch unbequem, überaus sinnvoll.

Zwei Versprechen muss ich noch einhalten. Zum ersten die Auskunft über mein Gewicht oder, besser gesagt, über meinen Gewichtsverlust. Ich habe 27 kg verloren, gehe aber davon aus, dass ich in den nächsten Tagen bis zu 5 kg wieder zunehmen werde (Magen-Darm-Inhalt, Wasser). Mein Ziel ist ein weiterer, sanfter Gewichtsabbau bis zur oberen Grenze des rechnerischen Idealsgewichtes; bei einem (zukünftigen) Verlust von durchschnittlich 500g/Woche wird dieser Prozess, Störungen wie Urlaube und Familienfeste mit berücksichtigt, mindestens 1 Jahr dauern. Aber die Startposition ist gut.

Als Zweites wollte ich noch verraten, was mein Wunschessen sein wird, wenn ich in den nächsten drei Tagen wieder vorsichtig mit Obst, Gemüse und Suppe meine Verdauung an feste Nahrung gewöhnt habe. Ich träume seit Wochen von einer Scheibe warmen Vollkorntoast mit wenig Butter und einem pflaumenweich gekochtem Ei. Passt ja ganz gut zum Osterfrühstück!

 

Zwischenbericht 29. März 2017

Kurz vor dem fünften Fastensonntag habe ich mir, vor allem zur eigenen Motivation, ein Ziel gesetzt. Bis einschließlich Gründonnerstag zu fasten, also insgesamt 44 Tage, halte ich nach der Erfahrung der ersten 30 Tage für möglich und will ich auch schaffen. Somit ist die „erste Halbzeit“ schon vorbei und es geht langsam, aber mit Schwung auf die Zielgerade. Der Laetare-Sonntag, die „offizielle“ Mitte der Fastenzeit, stärkt mit seinem geistlichen Impuls, seinem frühlingshaften Wetter und nicht zuletzt mit dem guten Kaffee des Kirchenchores St. Cornelius im Anschluss an das Hochamt meinen Entschluss, noch durchzuhalten.

Dazu kommt eine neue, sozusagen externe Motivation. Der Termin zur Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchung steht in der Karwoche an (nun ja, man wird nicht jünger), dafür muss der Darm nun mal leer sein und kann folglich auch bis dahin leer bleiben.

Zwei für mich unerwartete, aber eigentlich absehbare Effekte treten seit einigen Tagen immer wieder in Erscheinung. Einmal die Außenwirkung durch die mittlerweile doch sichtbare Gewichtsabnahme. Vor allen Dingen Menschen, die mich nicht täglich sehen, fragen: „Haben Sie abgenommen? Wie haben Sie das gemacht?“ usw. Auf die schlichte Antwort „Ich faste“ sehe ich meistens in erstaunte Gesichter. Einfach für eine Zeit mit dem Essen aufhören, ist in unserer Gesellschaftsform in gewissem Sinne stigmatisiert mit dem Nimbus des alternativen Lebensstils, der krankhaften Essstörung oder des Hungerstreiks von RAF-Häftlingen. Da ich meistens keine Lust habe, mich lange zu erklären, gebe ich den Interessierten dann gerne den Hinweis auf diese Website.

Der zweite Effekt hingegen ist sehr erfreulich und wird eigentlich in jedem Fastenbericht und jeder Anleitung zum Fasten beschrieben, nämlich die verstärkte Bereitschaft zur inneren Einkehr und zur Auseinandersetzung mit sich selbst. Häufig gönne ich mir jetzt am Abend noch eine halbe Stunde Nachdenken über Gott und die Welt, ganz für mich und in aller Ruhe und Gemütlichkeit. Und fehlt mir ein Impuls, schaue ich tatsächlich auch in die Bibel, was ich früher nur höchst selten getan habe. Ich stelle fest, dass viele Aktivitäten, die ich gerne immer wieder nach hinten geschoben habe (mit der scheinheiligen Begründung "keine Zeit"), jetzt viel leichter von der Hand gehen und abgearbeitet werden. Auch im Beruf fühle ich mich frei von Frühjahrsmüdigkeit.

Körperlich geht es mir ausgesprochen gut. Die Schwäche der ersten 14 Tage tritt nicht mehr auf, aber natürlich ist die Leistungsfähigkeit nicht die Gleiche wie sonst. Wenn ich am Wochenende den Nachmittag mit Gartenarbeit verbringe, bin ich abends deutlich erschöpfter, als es normalerweise der Fall wäre. Andererseits macht das selbstauferlegte Sportprogramm immer mehr Spaß. Ich ziehe jeden zweiten Morgen eine halbe Stunde auf dem Ruderergometer zu Stromgitarrenmusik und verbessere sogar die Streckenleistung. Gut, der 500m-Durchschnitt ist noch weit entfernt davon, diskutabel zu sein (in der sehr direkten Sprache der Ruderer sind 2:30 min für 500 m eine "Mädchenzeit"), aber es macht sich auf jeden Fall für den Bewegungsapparat sehr positiv bemerkbar.

Bei aller Euphorie muss allerdings auch ehrlich gesagt werden: Seit ungefähr dem zwanzigsten Tag ist eine unangenehme Begleiterscheinung dazugekommen. Visionen von knackigen Fleischwurstbrötchen, köstlicher Käse-Lauch-Suppe nach dem Rezept meiner Frau, kernigen Leberwurststullen mit Gürkchen und Silberzwiebeln, zart duftenden Harzer Roller oder Gorgonzola-überbackene Gnocchi - ach ja, was nützt der schönste Verzicht, wenn es keine Versuchungen gibt. Standhaft bleiben. Es macht mir nichts aus, meiner Familie beim Essen Gesellschaft zu leisten. Aber einen Plan, welchen Genuss ich mir nach dem Fastenbrechen als Erstes gönnen möchte, habe ich schon!

Nicht unerwähnt lassen möchte ich noch einen, in meinen Augen wichtigen Hinweis, zu den medizinischen Aspekten. Vor dem Fasten wurde sichergestellt, dass ich weder an gefährlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, noch an einer Stoffwechselstörung leide. Leber und Niere sind gesund (naja, ehrlich gesagt war die Leber leicht fettig) und funktionieren prächtig. Um nicht an Mangelerscheinungen zu erkranken, nehme ich ein Multivitamin- und Mineralstoffpräparat. Meine Trinkmenge ist enorm, mindestens drei Liter, häufig auch vier Liter täglich, vor allem Wasser und Tee.

Dreißig Tage sind um, wenn alles klappt, bleiben noch 14 Tage. Aktuell kann ich für mich sagen, dass es schon eine besondere Erfahrung ist, die ich regelrecht, trotz (oder gerade wegen?) der damit verbundenen Schwierigkeiten, genieße. Ob das weiterhin so bleibt, lesen Sie in einem vorläufigen Abschlussbericht mit dem nächsten Newsletter. Dann verrate ich auch, was ich am Ostersonntag als erste "richtige" Mahlzeit nach dem Fastenbrechen plane.

 

Zwischenbericht 16. März 2017

Ich habe beschlossen, in dieser Fastenzeit zu fasten. Fasten im Sinne von: Ohne Nahrung leben. Der Entschluss kam in den letzten Monaten und wurde immer konkreter. Eine Woche vor Karneval bespreche ich mich mit meiner Frau: „Ab Aschermittwoch möchte ich fasten, also nichts mehr essen. Gar nichts mehr.“ Meine Frau reagiert erstaunt, aber gelassen. „Gut, dann weiß ich, dass ich weniger einzukaufen brauche. Wie lange hast du Dir denn vorgenommen?“ Ich weiß es nicht, denn es wird meine erste Fastenerfahrung sein. Die möchte ich nicht durch falsche Ziele zerstören. Natürlich gibt es eine Grenze nach oben: 40 Tage. Aber es ist nicht mein unbedingtes Ziel, die 40 Tage durchzustehen (auch wenn ich rein körperlich die Reserven dazu hätte).

Aschermittwoch also: Darmreinigung. In der Apotheke besorge ich mir entsprechende Mittel, die sonst vor Darmuntersuchungen angewendet werden. Anrühren, trinken, drei, vier Stunden soll der Darm leer sein. Am nächsten Tag spüle ich sicherheitshalber noch mal nach, denn so ganz leer scheint er das erste Mal nicht geworden zu sein.

Wie geht es mir die ersten Tage? Kurz und ehrlich gesagt: schlecht!

Zwar habe ich keinerlei Probleme, auf das Essen zu verzichten. Aber ich fühle mich ab Freitag eigentlich nur schlapp und müde. Ich versuche, „am Ball“ zu bleiben und fahre Samstag ins Schwimmbad. 500m schaffe ich (mit Pausen), dann reicht es mir. Die Heilige Messe des ersten Fastensonntags gibt mir etwas geistigen Aufschwung, aber die Schlappheit bleibt. Am Montag beginnt eine sehr stressige Arbeitswoche, gespickt mit Zusatzterminen am Abend. Ich merke deutlich, körperlich geht es mir weiter nicht gut.

Aber: Tatsächlich steigt meine Konzentrationsfähigkeit und vor allem meine Willensstärke. Ich strukturiere mich zunehmend besser und habe richtig Spaß daran, auch ungeliebte Tätigkeiten einfach abzuarbeiten statt sie, wie bisher, irgendwie meist halbherzig zu erledigen. Dafür bin ich am Ende des Tages sehr müde und schlafe viel. Und es ist ein völlig neues Gefühl dazugekommen: Mir ist fast permanent kalt. Das kenne ich gar nicht von mir, aber es ist medizinisch natürlich erklärlich, denn mein Körper fährt den Stoffwechsel auf ein Minimum herunter.

Der zweite Fastensonntag ist erreicht. Wieder bringt die Heilige Messe geistigen Schwung, unterstützt durch den vom Kirchenchor gereichten „Frühschoppenkaffee“ danach. Langsam schwindet die Erschöpfung und macht einem gewissen Aktivismus Raum. Ich suche mir viele kleine Dinge, die seit Wochen erledigt gehören, und kümmere mich darum. Aber die „Große Erleuchtung“ oder was auch immer von vielen Fastenden beschrieben wird, hatte ich noch nicht. Morgens bin ich erst nach einer Tasse Kaffee die Schwere und Müdigkeit los, dann geht es eigentlich ganz gut weiter.

Am Dienstagmorgen dann ein kleiner Durchbruch: Ich mache zum ersten Mal wieder Sport und steige auf mein Ruderergometer. Das stand seit Jahren ungenutzt im Keller, obwohl ich früher mal Rudern als Leistungssport betrieben habe. Zuerst nur wenige Schläge, aber es ist noch nichts verlernt. Es lohnt sich doppelt, denn einen Tag später erwischt mich die Frühlingssonne fröhlich, wach und ausgeruht. Ich komme ohne Kaffee über den Tag und steige um auf Ingwertee. Nebenbei entdecke ich noch einen unerwarteten Effekt des Fastens – ich spare Geld. Natürlich kaufe ich weiterhin die Lebensmittel für meine Familie, aber all die kleinen Kleinigkeiten zwischendurch, wie morgens das belegte Brötchen vom Bäcker oder unterwegs mal schnell `ne Currywurst, nachmittags ein, zwei Teilchen. Fällt alles aus, somit muss ich seltener zum Geldautomat.

Sie interessiert jetzt natürlich, was die Waage sagt. 16 Tage gefastet, da muss sich doch was geändert haben. Hat es auch, aber da es nicht mein eigentliches Ziel ist, Gewicht zu verlieren, sage ich dazu erst mal nichts. Interessant wird es sowieso erst im Herbst, ob eine Gewichtsabnahme womöglich dauerhaft war. Dann werde ich Ihnen auch Zahlen nennen.

Beginn des Fastens am 01. März 2017


Der Autor ist der Redaktion bekannt, bittet aber um Anonymität. l Fotos: Susanne Meisen