Die Arbeit unseres Pfarrers Jan Nienkerke im Offizialat in Aachen

Regelmäßig werden Statistiken über die zivilen Scheidungsraten in den Medien veröffentlicht – wussten Sie, dass auch etlichen Anträgen auf Feststellung der Nichtigkeit kirchlich geschlossener Ehen stattgegeben wird?
 
Die Gründe, ein solches Verfahren vor einem kirchlichen Gericht anzustreben, können vielfältig sein, drehen sich aber oft um die Frage, ob einer der Ehepartner oder beide zum Zeitpunkt der kirchlichen Hochzeit alle Bestandteile des katholischen Eheversprechens (Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe, Hinordnung auf das beiderseitige Wohl und auf Nachkommenschaft) vollumfänglich bejaht haben oder bejahen konnten.

Jemand, der sich mit diesen Fragestellungen regelmäßig beruflich auseinandersetzt, ist unserer Pfarrer und Vizeoffizial Jan Nienkerke (Foto rechts), der mit annähernd der Hälfte seines Beschäftigungsumfanges im Bischöflichen Offizialat in Aachen tätig und dort in der Regel an zwei Tagen in der Woche anzutreffen ist. Aufgrund einer wissenschaftlichen Zusatzqualifikation nach dem Diplom in Theologie, eines mit einem Lizentiat abgeschlossenen berufsbegleitenden Hochschulstudiums des Kirchenrechts, erfüllt er die hierfür erforderlichen fachlichen Voraussetzungen. Darüber hinaus verstehen er und alle Mitarbeiter im Offizialat ihre Aufgabe dort in erster Linie als pastoralen Dienst, in dem der ratsuchende Mensch im Mittelpunkt steht. Neben dem Offizial Pfr. Gregor Huben und unserem Pfarrer sind dort nur wenige Mitarbeiter tätig: So führt Peter Scholten als Diözesanrichter viele Beratungsgespräche, führt Anhörungen durch und schreibt Urteilsentwürfe, während die Offizialatsnotarin Ingrid Houben alle Tätigkeiten im Geschäftszimmer sowie die Aktenpflege und Verwaltung koordiniert.
 
Um ein wenig Licht in diese bislang wenig bekannte Tätigkeit zu bringen, soll an dieser Stelle kurz der Gang eines Ehenichtigkeitsverfahrens näher erläutern werden:
 
Allem voran gehen beratende Vorgespräche, die entweder von Herrn Scholten oder auch von Pfr. Nienkerke selbst, etwa hier in Dülken, vertraulich geführt werden. Manchmal entscheidet der Wohnsitz eines Ratsuchenden oder Antragstellers über den Ort dieser ersten Gespräche, weil dies allen Beteiligten Fahrtzeit und –kosten ersparen kann. Entschließt sich ein Ehepartner daraufhin, einen Antrag auf Prüfung der Gültigkeit der von ihm geschlossenen Ehe zu stellen, setzt dieser das reguläre Verfahren in Gang, das kirchenrechtlich genau geregelt ist.
 
In einem ersten offiziellen Schritt werden alle beteiligten Parteien über den vorliegenden Antrag informiert, und es wird der sog. ‚Ehebandverteidiger‘ bestimmt. Seine Aufgabe im Verfahren ist es, alle Beweise dafür zusammenzutragen, die dafür sprechen, an der Gültigkeit einer in Frage stehenden Ehe festzuhalten. Die antragstellende Partei hingegen verfolgt in der Regel das gegenteilige Ziel: die Nichtigerklärung der in Frage stehenden Ehe zu erreichen.
 
Nachdem die Klage angenommen und ein Gerichtshof mit drei Richtern ernannt wurde, bei dem entweder Offizial Pfr. Huben oder Vizeoffizial Pfr. Nienkerke den Vorsitz übernimmt, stellt die Vernehmung der Eheleute, Kläger und Nichtkläger, den nächsten Verfahrensschritt dar. Sie werden getrennt zu Gesprächen eingeladen und schildern unabhängig voneinander ihre Sicht.
 
Die Aussagen von weiteren Zeugen, die die Parteien dabei benennen, spielen im Verfahren ebenfalls eine wichtige Rolle, denn sie ermöglichen dem Gericht eine tiefergehende Durchdringung des Sachverhaltes, weil sie dazu geeignet sein können, den Klagevortrag zu untermauern oder aber Zweifel an seiner Substanz aufkommen lassen können. Alle Aussagen werden wie auch sämtlicher aufkommender Schriftverkehr in einer Akte festgehalten. Um Zweifel auszuräumen, ob eine kirchlich geschlossene Ehe gültig ist, kann das Gericht z.B. auch auf die Möglichkeit zurückgreifen, ein psychologisches Fachgutachten auf der Basis des Aktenmaterials einzuholen, was vom kirchlichen Recht für bestimmte Klagegründe sogar vorgeschrieben ist. 
 
Wenn alle Zeugenaussagen und eventuelle Gutachten zusammengetragen sind, folgt in einem nächsten Schritt die Übersendung der Akten; zuerst an den Ehebandverteidiger und später dann auch an die drei im Gerichtshof sitzenden Richter. Der Ehebandverteidiger verfasst seine Stellungnahme zur Frage der Gültigkeit der betreffenden Ehe, die dem Aktenmaterial beigefügt wird. Hiernach erhalten die beteiligten Eheleute für einen begrenzten Zeitraum die Möglichkeit zur Akteneinsicht; der Termin für den Aktenschluss wird wie jeder Verfahrensschritt per Dekret bekanntgegeben.
 
Jetzt, im vierten Schritt, tritt der Gerichtshof in Aktion. Es besteht immer aus drei Richtern, dem Offizial bzw. Vizeoffizial als Vorsitzenden sowie zwei weiteren Richtern. Ihre Aufgabe besteht darin, einzeln und unabhängig voneinander aus dem vorliegenden Aktenmaterial und den Partei- und Zeugenaussagen zu einem begründeten Urteil zu gelangen. Diese verantwortungsvolle Tätigkeit muss auf der Grundlage des Studiums des vorgelegten Aktenmaterials sorgfältig ausgeführt werden. Um zu einer möglichst genau zutreffenden und über jeden Zweifel erhabenen Einschätzung des Sozialisationshintergrundes, der psychischen Vorprägungen und Entwicklungen oder der Einstellung eines Menschen zu bestimmten Inhalten des katholischen Eheversprechens gelangen zu können, ist ein hohes Maß an Sensibilität und Fingerspitzengefühl erforderlich.
 
Der Gerichtshof fällt schließlich in einer gemeinsamen Sitzung ein Urteil. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Einzelentscheidungen der Diözesanrichter in der weitaus größten Zahl der Fälle übereinstimmen, lediglich die Einzelbegründungen weichen gelegentlich voneinander ab.
 
Herrn Pfr. Huben als Offizial oder Herrn Pfr. Nienkerke als Vizeoffizial fällt dabei die Aufgabe zu, die Urteilssitzung durchzuführen und zu leiten und anschließend entsprechend dem mehrheitlich gefällten Urteil und unter Beachtung der maßgeblichen kirchenrechtlichen Vorgaben die Urteilsbegründung zu verschriftlichen.
 
Papst Franziskus hat bei der Durchführung von Ehenichtigkeitsverfahren im vergangenen Jahr für verschiedene Vereinfachungen gesorgt: Die folgenreichste besteht darin, dass seit Dezember 2015 nicht mehr von Amts wegen die Durchführung einer zweiten Instanz für jedes reguläre Ehenichtigkeitsverfahren vorgesehen ist, sondern nur noch dann, wenn gegen das Urteil der ersten Instanz seitens der Parteien oder des Ehebandverteidigers Berufung eingelegt wird (für das Bistum Aachen war zuvor von Amts wegen das Offizialat des Erzbistums Köln als 2. Instanz zuständig). Dies hat in der Praxis zu einer deutlichen Verkürzung der Verfahrensdauer bis zu einem endgültigen Urteil geführt, was für die Parteien oft eine erhebliche Erleichterung bedeutet.
 
Somit findet das kirchenrechtliche Verfahren dann sein Ende, wenn die früheren Eheleute das Urteil in Händen halten und innerhalb der vorgeschriebenen Frist niemand Widerspruch einlegt.
 
Sollten Sie Fragen zum Ehenichtigkeitsverfahren haben oder ein unverbindliches Beratungsgespräch wünschen, können Sie sich an das Bischöfliche Offizialat in Aachen (Tel. 0241 4703060) oder auch an Herrn Pfarrer Nienkerke unter der Telefonnummer 02162 55409 (Pfarrbüro St. Cornelius) wenden.

 

Ehenichtigkeit

Nach katholischer Lehre ist die Ehe ein unauflösliches Sakrament, das unter der Zusage Gottes für den gemeinsamen Lebensweg steht und daher auch die Eheleute bis an ihr Lebensende aneinander bindet. Denkbar ist jedoch unter bestimmten Voraussetzungen die Durchführung eines Ehenichtigkeitsverfahrens beim Offizialat. Dieses kann mit der Feststellung enden, dass eine gültige Ehe im christlich-katholischen Sinne von vornherein nicht zustandegekommen ist, weil etwa die Voraussetzungen hierfür von vornherein gefehlt haben.

Ehebandverteidiger

Er verfügt als Mitarbeiter am Bischöflichen Offizialat ebenso über eine kirchenrechtliche Zusatzqualifikation und muss nicht zwingend Priester sein. Seine Aufgabe im Verfahren ist es, alle Beweise dafür zusammenzutragen, die dafür sprechen, an der Gültigkeit einer in Frage stehenden Ehe festzuhalten.

Diözesanrichter

Ein kirchenrechtlich versierter Priester oder Laie, der in einem Gerichtshof mitwirkt, indem er zu einer Akte ein persönliches Urteilsvotum erstellt, das er in die gemeinsame Schlusssitzung einbringt, in der sich die Richter auf einen gemeinsamen Urteilstenor verständigen.

 


Texte: Ute Hölter; Fotos: Colourbox.de; Uwe Rieder